Tu' im Harz

Der Brocken-Überflug Bericht von Knut Jäger

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Zitiert aus dem Organ des Deutschen Ultraleichtflugverbandes "DULV" Heft 2 von 1997.

 

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Stories

Mit dem
Motorschirm über
              den Brocken

Endlich geschafft! Am 16. Januar 1997 hat sich wieder
einmal ein Flugtraum erfüllt. Schon immer war der Brok-
ken - höchster Berg des Harzes mit 1142 m - ein Berg
mit besonderer Ausstrahlung. Ragt er doch weit über alle
Harzberge hinaus, als residiere er von dort über alles, was
sich unter ihm befindet. War der Brocken noch bis 1990
tabu - er diente den Russen und der damaligen DDR als
ein wichtiger Horchposten - so wurde kurz nach der 
Wende die Flugüberwachungszone aufgehoben. Seither

ist er auch fliegerisch das beliebteste Ausflugsziel gewor-
den.
Um aber den Brocken mit dem Motorschirm zu "erklim-
men" muß insbesondere die Windkomponente passen.
Denn der Brocken hat ein hochalpines Klima (größte
Windstärke in Deutschland mit über 170 km/h, Schnee-
höhen bis zu 2 m). In den letzten 2 Jahren schlugen meh-
rere Versuche gerade deshalb fehl, aber auch, weil ich
durch die vielen Ausbildungsabschnitte in der Harzer
GSS (Grundausbildung, Windenflüge, Alpenkurse, Tou-
ren in Europa) nicht immer dann Zeit hatte, wenn es ge-
paßt hätte. So auch Anfang Januar, als sich wieder 15 be-
geisterte Motorschirmfieger auf dem Flugplatz Salzgitter-
Schäferstuhl bei minus 15 Grad trafen, um den Brocken
zu umrunden. Leider ließ der starke Wind es nicht zu.
Aber dann: am 16. Januar l997. Ich schaute morgens im
Bett liegend den Wetterkanal, der immer den aktuellen
Brockenwind ansagt (Danke Herr Kachelmann!). Dort
hieß es: südöstliche Winde mit 22 km/h, Temperatur: 7
Grad plus).

 Wie von der Tarantel gestochen sprang ich
aus dem Bett. Das ist heute der Tag der Tage. Ich eilte so-
fort zum Telefon und rief Michael und Markus von der
Firma Fresh Breeze an. "Jungs, ich fliege heute über den
Brocken! Kommt ihr mit?" Kurze Pause bei Michael. Ich
hörte noch, wie er sagte "Willi, ich muß jetzt Schluß ma-
chen, der Brocken ruft!" Er beendete ein Gespräch auf
der anderen Leitung und fragte, wann und wo wir uns
treffen wollen. "12 Uhr auf dem Flugplatz Sz-Schäfer-
stuhl", sagte ich. Anschließend rief ich noch weitere
Motorschirmfiieger an. aber leider mußten sie arbeiten.
Nur Gerd aus Salzgitter hatte noch Zeit. Jetzt noch
schnell Herrn Körner von der Salzgitter-Zeitung angeru-
fen, und dann zum Schäferstuhl.
Als ich dort ankam, fielen mir alle meine Sünden ein. Ein
Flugschüler, mit dem ich mich zur Windenausbildung
verabredet hatte. wartete auf mich. Allen anderen, die
morgens bei mir anriefen, hatte ich abgesagt. Nur Detlef,
an den hatte ich nicht mehr gedacht. Sorry Detlef.
Um 13 Uhr waren wir vier pünktlich zum Abflug fertig.
Unsere Fresh-Breeze-Motoren hielten wie immer zuverläs-
sig der Vollastübung vor dem Start stand. Super Wetter,
schwacher Wind aus Südwest am Boden, Inversionslage
mit traumhafter Sicht von über 100 km erwartete uns.
Kurzes Startfoto für die Presse und nach und nach starte-
ten wir mit unseren Nova-Schirmen in die Luft. Am
Flugplatz sammelten wir uns, um alle gemeinsam im For-

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Sendemast auf dem Brocken, 25 kB

mationsflug über die Piste Richtung Brocken zu fliegen
Jeder von uns verspürte so ein Kribbeln im Bauch. Es
passierte heute etwas Besonderes. Unsere Flugroute führte
von Salzgitter über Goslar nach Bad Harzburg. Bis dort-
hin wollten wir mindestens 1400 m Höhe aufgebaut ha-
ben. In Bad Harzburg wartete schon meine Familie im
Garten, um uns beim Überflug zu beobachten. Meine
Frau erzählte mir später, daß meine Kinder wie die Wil-
den winkten und ganz laut riefen: "Da fliegt unser Papa!"
Von Bad Harzburg aus konnten wir mit der erreichten
Höhe sicher zum Brocken weiterfliegen. Unter uns die
zugefrorene Okertal- und Eckertalsperre, der Oderteich
und die Sender vom Torfhaus. Links von uns Ilsenburg
mit meinem Windenschleppgelände für Drachen und
Gleitschirme und meine beiden UL-Plätze. Gegen
14 Uhr kamen wir ca. 300 m über dem Brockgipfel an.
Was für eine Aussicht! Die Sender und die Brocken-Mo-
schee unter uns, und da schnaufte sie gerade den Berg
hinauf: die Brockenbahn - eine Dampflokomotive, die
die Touristen von Wernigerode zum Brocken hinauf-
bringt. Viele Ausflügler (im Jahr pilgern dort mehr als
500.000 Touristen hin) gingen auf die Aussichtplattform,
um uns zuzuwinken. Nach einer halben Stunde Aufent-
halt im Luftraum um den Brocken herum verabredeten
wir uns zum Rückflug. Unvergessen diese grandiose Aus-
sicht bis in die Rhön, verabschiedeten wir uns vom Brok-
ken. Die Fresh Breeze-Motoren erwiesen sich als zuverläs-
sige Partner. Unser Rückflug dauerte ca. eine Stunde und
nach weiteren 1 1/2 Stunden erreichen wir wieder den
Schäferstuhl. Mit dem letzten Tropfen Sprit kamen Gerd
und Markus zum Platz. Michael und ich mußten die letz-
ten Meter ohne Sprit abgleiten. Am Platz wurden wir
schon von Freunden erwartet, die uns zu unserem tollen

Flug gratulierten. Michael hatte den Flug auf Video ge-
fImt. Wir gingen anschließend ins Vereinsheim, um die
beeindrucken Bilder zu sehen. Ich habe schon viele Flüge
- ob mit Motor oder ohne, ob mit Drachen oder Gleit-
schirm - in den zurückliegenden 18 Jahren gemacht. Die-
ser Flug war eines der schönsten Erlebnisse - ein Flug, der
süchtig macht. Eins steht fest: der Brocken ist für Motor-
schirmflieger eines der reizvollsten Ziele in Deutschland
überhaupt. Wer als Motorschirmflieger Lust hat, dort hin
zu fliegen, kann sich an die Harzer GSS, Knut Jäger,
05322/1415, wenden. Wir haben drei zugelassene Plätze
(Sz-Schäferstuhl und 2 x Ilsenburg) im Harz. An dieser
Stelle möchte ich mich auch bei der Luftsport-
gemeinschaft Sz-Schäferstuhl bedanken, die uns seit Jah-
ren das Gleitschirm- und Drachenfliegen - mit und ohne
Motor - erlauben.
Knut Jäger

Die Teilnehmer der Aktion, 19 kB

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erstellt: 8. Dezember 1997
last modified 17.02.01